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Massenanfall von Verletzten: Ist Deutschland vorbereitet?

Anschlag Breitscheidplatz Berlin - Leitende Notärztin berichtet auf der Bogenbergfortbildung über ihren Einsatz

Neuigkeiten 2019

Von links: Fördervereinsvorsitzender Wilhelm Lindinger, der mit seinem Verein die Fortbildung ermöglicht hatte, die Leitende Notärztin Carola Behling und die Veranstalter der Bogenbergfortbildung Chefarzt Dr. Mathias Grohmann (Innere Medizin, Gastroenterologie) und Dr. Dionys Daller (Innere Medizin, Kardiologie) (Foto: Elisabeth Landinger).

Sie war als erste Leitende Notärztin vor Ort und damit auch die Einsatzleitung nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche am 19. Dezember 2016: die ausgebildete Leitende Notärztin Carola Behling vom Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin, Chirurgin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin e. V.. Ein Protokoll des Rettungseinsatzes hat sie am Mittwochabend, 25. August, bei der Ärztefortbildung der Klinik Bogen auf dem Bogenberg vorgestellt. Der Ärztlicher Direktor der Klinik Bogen und Chefarzt der Inneren Medizin, Kardiologie, Dr. med. Dionys Daller, hatte Carola Behling auf einer notfallmedizinischen Fortbildung in Berlin kennen gelernt und sie für einen Vortrag in Bogen gewinnen können. Der Verein der Freunde und Förderer der Klinik Bogen e. V. hatte sich von der Fortbildung als gute Sache für das hiesige Rettungswesen überzeugt und die Veranstaltung durch Kostenübernahme der Anreise ermöglicht. Hierfür bedankten sich Dr. Daller und Carola Behling beim Fördervereinsvorsitzenden Wilhelm Lindinger. In dem mit über 70 Zuhörern voll besetzten Saal begrüßten sie zahlreiche Ärzte, medizinisches Fachpersonal und Rettungskräfte der Region. Diese verfolgten gebannt die Schilderungen und persönlichen Eindrücke aus erster Hand.

Automatisches Bremssystem rettet Menschenleben

Beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz handelte es sich laut Behling um „einen MANV, einen Massenanfall an Verletzten, der die Kapazitäten der Retter übersteigt". Zunächst war an dem Winterabend kurz nach 20 Uhr von der Leitstelle lediglich ein „Verkehrsunfall" gemeldet worden. „Es war um diese Zeit schon dunkel und es herrschte Weihnachtsstimmung. Draußen war es um die 2 Grad kalt, dazu wehte ein frischer Wind, der es gefühlt noch kälter erscheinen ließ", schilderte die Referentin weiter. „Die Schneise des LKW durch den Weihnachtsmarkt sah vor Ort auch tatsächlich eher nach einem Verkehrsunfall aus", berichtete sie. Er hatte nicht anschlagstypisch weiter geradeaus durch die Budengasse gesteuert, sondern diese im bogenförmigen Bremsmanöver nach einiger Zeit durchbrochen und wieder verlassen, wie ein Internet-Video aus einer privaten Autokamera zeigte. Grund war, dass der Attentäter einen für sein Vorhaben ungeeigneten LKW gestohlen hatte. Dieser verfügte über moderne Sicherheitssysteme, die auf Hindernisse reagieren. „Das hat vielen das Leben gerettet", konnte Carola Behling im Nachhinein sagen. Dennoch bot sich ihr ein gespenstisches Szenario: „Die Zeit verging ganz komisch anders als sonst im Leben. Es war unfassbar viel Polizei vor Ort, denn es herrschte generell eine ‚unspezifisch erhöhte Gefahrenlage' für die Veranstaltung. Dann zu erfahren, dass man erstes NEF (Notarzteinsatzfahrzeug, Anm. d. Red.) vor Ort ist, ist eine ganz blöde Info." Das bedeutete, dass die Notärztin nicht einfach die nächstbesten Patienten behandeln durfte sondern als medizinische Organisatorin Hand in Hand mit dem Organisationsleiter vom Rettungsdienst die Einsatzleitung übernehmen musste, sozusagen als „Auge der Leitstelle".

„Das ist ja wie im Krieg."

Unter ständigen Rückmeldungen an die Leitstelle zur Anforderung von Verstärkung oblag Carola Behling nun die Triage, also das Sortieren der Patienten nach Schweregrad der Verletzung, von grün, also leicht verletzt über gelb bis rot für schwerverletzt, gegebenenfalls blau für „im Sterbeprozess" bis schwarz für verstorben. „Es war eine sehr merkwürdige Atmosphäre: total ruhig, denn diejenigen, die hätten schreien können, waren bereits weg, andere so schwer verletzt, dass man sie nur noch leise wimmern hören konnte", beschrieb die Referentin. Eine ältere hilfsbedürftige Frau hatte verstört gestammelt: „Das ist ja wie im Krieg." Lobende Worte fand Behling für das menschliche Miteinander vor Ort: „Alle Patienten wurden bei meinem Eintreffen schon von irgendjemandem betreut, teils von völlig fremden Leuten. Etliche zivile Ärzte und medizinisch Geschulte waren ebenfalls vor Ort und packten an."

Neuigkeiten 2019

Die Leitende Notärztin Carola Behling mit einer Einsatzskizze der Notfallversorgung vor Ort (Foto: Elisabeth Landinger).

„Viel Gewusel mit wenig Leuten"

Bei so vielen Verletzten und extremen Bedingungen addieren sich jedoch auch menschliche und technische Unzulänglichkeiten schnell auf und erschweren die Patientenversorgung. Probleme bereiteten zum Teil ganz einfache Dinge wie die den nicht haltenden Farbmarkierungen für die Patientenidentifikation, oder die Kommunikation mit der Leitstelle, mit der Polizei und mit dem Funksystem. So musste zeitweise mangels Verstärkung die ursprüngliche Strategie des „Load and go", Patienten einladen und abtransportieren, geändert werden hin zum „Stay and play", der Versorgung vor Ort. Herausfordernd fand Carola Behling, mit einem unbekannten Team aus zivilen Helfern zu arbeiten. Die Frage lautete ständig: „Wer kann was, zum Beispiel eine Thoraxdrainage?" Frustrierend fand die Notärztin hingegen Führungskräfte, die keine Funktion übernahmen und nur Zeit stahlen, Fehlkennzeichnungen und dadurch Hierarchieprobleme, kurzum: „das viele Gewusel mit wenig Leuten". Improvisationstalent bewies hingegen ein Notfallsanitäter, der als „Barkeeper" im Akkord Infusionen, Medikamente und Schmerzmittel vorbereitete und verteilte.

Dezentrale Kliniken wichtig bei Massenanfall von Verletzten

Große Erleichterung brachte Behling auch das Eintreffen des offiziellen Leitenden Notarztes, der sie von ihrer kommissarischen Leitung und damit von den organisatorischen Aufgaben ablöste. Dieser übernahm die Patientenverteilung auf die umliegenden Kliniken. Dass auch dezentrale Kliniken im Versorgungsnetz von großer Bedeutung sind, wurde bei diesem Massenanfall von Verletzten ebenfalls deutlich. „Von den 30 Krankenhäusern im Umkreis konnten die Krankenwägen nicht einfach mit den erstbesten Patienten das nächste Haus der Maximalversorgung ansteuern", stellte Carola Behling fest. „Sonst wären dort die Schockräume blockiert, die für andere Patienten möglicherweise noch dringender benötigt werden." Der Abtransport der Patienten erfolgte durch erfahrene Rettungsassistenten und Notfallsanitäter, da die Ärzte vor Ort mit der Verletztenversorgung gebunden waren und wegen dem Kontaktabbruch zur Leitstelle Verstärkung ausblieb.

Glückliche Zufälle – traurige Bilanz

Aber auch glückliche Zufälle ereigneten sich an diesem Abend. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hatte sich gerade erst zu seiner Weihnachtsfeier versammelt und engagierte sich sogleich gemeinsam für die Information über die sozialen Medien. Das Team der Notfallseelsorge hat sich ebenfalls über die sozialen Medien gegenseitig benachrichtigt und war dadurch „sehr schnell zu sehr vielen" am Einsatzort zugegen. Das Restaurant und das Hotel auf dem Platz hielten die ganze Nacht ihre Türen geöffnet für „ganz menschliche Bedürfnisse" wie Aufwärmen, Verpflegung und WC, aber auch für die Versorgung der leichter verletzten Patienten.

Die traurige Bilanz des Anschlags waren letztlich zwölf Todesopfer, 55 Verletzte, viele davon Schwerverletzte, und zahllose seelisch Traumatisierte, auch unter den Einsatzkräften.

„Der wahre Attentäter hätte mir jederzeit auf die Schulter tippen können."

Kritisch beleuchtete Carola Behling auch die Aufarbeitung des Anschlags, insbesondere unter den Fragestellungen: Welche Gefahr bestand zu welcher Zeit am Einsatzort? Welche Rolle spielten die Androhungen von Trittbrettfahrern? Mit dem Hintergrundwissen, dass der zunächst verfolgte Flüchtige gar nicht der Attentäter war, musste die Notärztin im Nachhinein feststellen: „Der wahre Attentäter hätte mir jederzeit am Einsatzort auf die Schulter tippen können."

Ist Deutschland vorbereitet?

Zum Abschluss stellte die Referentin die Frage in den Raum: „Ist Deutschland auf so einen Anschlag vorbereitet?" Rückblickend auf die Attentate in Nizza, Berlin, Jerusalem und Stockholm laute eine wichtige Erkenntnis: „Ja, Fahrzeuge können als Waffen eingesetzt werden." Mit diesen Erkenntnissen werden heute bei viele öffentlichen Veranstaltungen mobile Polder eingesetzt. Kontrovers werde die Einrichtung von Sicherheitszonen diskutiert, insbesondere die Frage, ob Rettungskräfte überhaupt näher als zwei Kilometer heranfahren sollten. „Man kann sich auf eine Idee in einem kranken Hirn gar nicht vorbereiten", fasste Dr. Daller zusammen.

Sichtlich betroffen von den Schilderungen nahm das teilnehmende Fachpersonal die Gelegenheit für persönliche Fragen und Vieraugengespräche dankbar an. Carola Behling selbst hat auch nach dem Anschlag ihre einst als lästig empfundene Notarzttätigkeit als Berufung gefunden. Das Erlebte arbeitet sie auf, indem sie immer wieder darüber berichtet. Notarztkurse und Triagekurse für Großschadenseinsätze gibt sie „inzwischen sehr gerne" – und dank ihrer Erfahrung auch sehr authentisch.