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„Springender Punkt Sprunggelenk“

Chefarzt Dr. med. Svend Hofmann von der Klinik Bogen über die „Bagatellverletzung, die eigentlich keine ist"

Neuigkeiten 2021

Archivbild Klinik Bogen (aufgenommen von Elisabeth Landinger): Chefarzt Dr. med. Svend Hofmann informiert eine Sprunggelenkspatientin über die frühfunktionelle Therapie.

Sprunggelenksverletzungen sind mit 20 bis 25 Prozent die häufigsten aller Sportverletzungen. In Deutschland passiert täglich eine pro 10 000 Einwohner. Das Verhältnis von Alltagsverletzungen zu Sportverletzungen beträgt 50 zu 50. Chefarzt Dr. med. Svend Hofmann von der Klinik Bogen ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzqualifikationen für Spezielle Unfallchirurgie, Sportmedizin und Fußchirurgie sowie Durchgangsarzt für Schul-, Arbeits- und Wegeunfälle. Sämtliche Untersuchungen und Behandlungen bei Sprunggelenksdistorsionen (Verstauchungen) und Begleitverletzungen führt er mit seinem Team an der Klinik Bogen routinemäßig durch, u. a. Diagnostik mit CT und MRT, arthroskopische diagnostische und therapeutische Verfahren der Band- und Sprunggelenksstabilisierung, Knorpelersatzverfahren und die Injektion von Eigenblutplasma.

Herr Dr. Hofmann, wie kommt es am häufigsten zu Sprunggelenksverletzungen?
Diese ereignen sich vor allem im Fußball, Basketball, Volleyball und beim Joggen, in Sportarten mit Schnellkraft, schnellem Richtungswechsel und Kontaktsportarten. Gerade in der jetzigen Zeit nach langen Trainingspausen ist das Sprunggelenk anfälliger. Hinzu kommen falscher Ehrgeiz, vieles wieder aufzuholen, inadäquate technische Ausstattung, insbesondere beim Schuhwerk, und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten beim Neueinstieg. Unebenes Terrain, Nässe und Glätte führen zu Verletzungen, beispielsweise bei Waldläufen. Im Alltag sind es unkoordinierte Bewegungsabläufe, willentlich oder unwillentlich mangels Kraft, im Haushalt diverse Stolperfallen, wie Teppichkanten und Türschwellen, gelegentlich auch Leichtsinn, wie mit Badelatschen auf Leitern zu steigen.

Gibt es Verletzungsarten, deren Behandlung möglichst umgehend erfolgen sollte?
Verletzungsanfällig ist vor allem der Außenbandapparat, die Kapsel, häufig in Kombination mit Knorpelschäden, Knochenprellungen, Verletzungen des Innenbands oder der Syndesmose, einem unechten Gelenk aus Bindegewebe zwischen Schien- und Wadenbein. Prinzipiell ist jede Distorsionsverletzung des oberen und unteren Sprunggelenks umgehend zu behandeln, da hier die sogenannte PECH-Regel gilt. Sie steht für Pause, Eis, Compression und Hochlagern. Je eher diese Maßnahmen erfolgen, desto weniger Spätfolgen treten auf, weil man damit sofort Schwellungen, Einblutungen und sekundäre Schäden vermeidet. Die Kunst in der Diagnostik besteht darin herauszufiltern, ob es sogenannte „banale" Verletzungen sind, also Kapselverletzungen, Ein- bis Zweibandverletzungen, oder ob es sich um schwerwiegende Instabilitäten mit Mehrbandzerreißungen, Syndesmosenverletzungen oder Knorpelschäden handelt. 20 bis 30 Prozent der Instabilitäten werden chronisch. Es bedarf einer umfangreichen klinischen Diagnostik mit CT und MRT, da nicht selten weitere gravierende Verletzungen des gesamten Beins, besonders im Kniegelenksbereich vorliegen.

Wie kann man sein Risiko für eine neue oder wiederkehrende Verletzung geringhalten?
Wenn wir nicht dafür sorgen, dass unsere Füße dynamisch und standsicher sind, geht es uns wie dem biblischen Koloss auf tönernen Füßen und wir sind haltlos. Daher gilt: „Füße gut, alles gut." Beim Wandern und Sporttreiben muss auf adäquates Schuhwerk geachtet werden. Allzu oft sperren unsere Schuhe unsere Füße ein, wo wir doch diese durch Barfußlaufen trainieren und pflegen sollten. Kinder, Jugendliche und auch ältere Menschen sollten adäquate Möglichkeiten erhalten, im Freizeitbereich, in der Schule bzw. im Seniorensport, um die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Bewegungsapparates und der Steuerungszentrale Gehirn zu trainieren. Bäder, Sport- und Spielplätze sind hierfür essenziell, da sie letzten Endes auch unser Gesundheitswesen entlasten. Personen, die von vorne herein eine Bandschwäche haben, knicken häufiger um, aber auch die gesamte Anatomie der Beine (X-/O-Bein), des Beckens und der Wirbelsäule ist mit zu betrachten und gegebenenfalls zu behandeln.

Welche konservativen Möglichkeiten der Verletzungsversorgung gibt es?
Unabhängig von der Schwere der Verletzung erhalten Patienten primär einen Kühlverband und eine Ruhigstellung durch Castschiene für die ersten Tage bis zum Abschwellen der Weichteile. Der Trend geht klar zur frühfunktionellen Behandlung, also dem mit Orthesen gestützten Beüben ohne Verkippung des Fußes, Lymphdrainage und Stabilitäts- und Propriozeptionstraining (Sensoren in der Gelenkkapsel und umgebenden Muskelstrukturen, die das Gelenk stabilisieren). Hinzu kommen spezielle Gel-Kühlverbände, abschwellende Medikamente und Vitamin D, gegebenenfalls auch eine Thromboseprophylaxe. Spezielle Dreischritt-Orthesen geben kontinuierlich mehr Beweglichkeit für das Sprunggelenk frei und werden später abgelöst von Bandagen mit Tape-Verschlüssen. Injektionen von Eigenblutplasma, das reich an Blutplättchen ist, in verletzte Bandstrukturen wirken in der Heilungsphase wie ein Turbo. Das A und O zur Stabilisierung des Sprunggelenkes ist jedoch die Physiotherapie, Verbesserung der Sensomotorik und Propriozeption, das Wiedererlernen technisch sauberer Bewegungsabläufe im Sport und Alltag.

 

Wann muss ein Sprunggelenk operiert werden?
Bei schweren Verletzungen wie Mehrbandläsionen, Syndesmosenverletzungen mit Sprengung der Sprungelenksgabel, sowie Knorpelschäden, insbesondere am Sprungbein, gelten nach wie vor die Regeln der operativen Versorgung. Dies vermeidet Spätschäden infolge einer posttraumatischen Arthrose. Beispielführend ist hier die Kenntnis, dass nur ein Millimeter Gelenkversatz des Wadenbeines die Belastung des Sprunggelenkes verdoppelt. Chronische Instabilitäten bedürfen aufwändiger rekonstruktiver Maßnahmen mit Bandplastiken, Gewebeersatz mit körpereigenem Gewebe und umfangreiche Nachbehandlungen. Knorpelschäden können heutzutage durch Knorpelersatzverfahren wie Knorpelzüchtung und matrixgestützten Implantaten gut therapiert werden.