Gendermedizin - reagieren Frauen anders?
Chefärzte Dr. med. Mathias Grohmann und Dr. med. Harald Franck standen auf der „Bunten Couch" im Straubinger Nawareum Rede und Antwort
Warum ist es wichtig, ob ein Patient eine Frau oder ein Mann ist? Und reagieren Frauen tatsächlich anders auf Krankheiten und Therapien? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich die erste Veranstaltung des neuen Formats „Bunte Couch" am Donnerstag, den 24. September. Die Initiatorinnen Elke von Winning, Martha Altweck-Glöbl und Barbara Unger hatten dazu die Chefärzte der Kreiskliniken Bogen-Mallersdorf, Dr. med. Harald Franck, Chefarzt der Inneren Medizin, Kardiologie und Interventionellen Kardiologie an der Klinik Mallersdorf, und Dr. med. Mathias Grohmann, Chefarzt der Inneren Medizin und Gastroenterologie der Kreiskliniken Bogen-Mallersdorf, eingeladen.
Im Mittelpunkt des Abends im Bistro „ErneuerBar" im Nawareum standen Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Erkrankungen von Magen, Darm und Leber. Die beiden Chefärzte stellten wissenschaftliche Erkenntnisse aus ihren Fachgebieten vor. Anschließend wurden die Themen in lockerer Atmosphäre gemeinsam diskutiert.
Medizinische Forschung lange Zeit „männerlastig"
Dr. Grohmann machte deutlich, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin zunehmend in den Blick genommen werden. Ein Grund dafür: Medizinische Studien der vergangenen Jahrzehnte waren häufig stark von männlichen Studienteilnehmern geprägt. Auch in der Forschung mit Tieren wurden vielfach männliche Tiere eingesetzt. Dabei gibt es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus Unterschiede zwischen Frauen und Männern – etwa beim Immunsystem oder bei Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes. So unterscheiden sich Häufigkeit und Verlauf bestimmter Erkrankungen zwischen den Geschlechtern.
Die Frage sei deshalb auch, welchen Stellenwert das Geschlecht in der täglichen medizinischen Versorgung haben sollte. Während geschlechtsspezifische Aspekte in der Forschung zunehmend berücksichtigt werden, spielen sie in der medizinischen Routine bislang nicht immer eine entscheidende Rolle. Mit der zunehmenden Personalisierung der Medizin könnte sich dies künftig verändern.
Frauenherzen verdienen besondere Aufmerksamkeit
Einen Schwerpunkt legte Dr. Franck auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch bei Frauen gehören kardiovaskuläre Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Gleichzeitig werde das individuelle kardiovaskuläre Risiko von Frauen nach den vorgestellten Erkenntnissen häufig unterschätzt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die bekannten Risikofaktoren Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Rauchen, Übergewicht und Diabetes mellitus. Werden diese Faktoren erkannt und behandelt, lässt sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse deutlich reduzieren.
Besonders relevant ist laut Dr. Franck der Bluthochdruck. Darüber hinaus können auch frauenspezifische Faktoren das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen – beispielsweise Bluthochdruck oder Diabetes während einer Schwangerschaft, eine frühzeitige Menopause, das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) oder bestimmte Autoimmunerkrankungen.
Herzinfarkt bei Frauen: andere Symptome möglich
Ein weiterer wichtiger Punkt des Abends war die Frage, wie sich ein Herzinfarkt bei Frauen bemerkbar machen kann. Während Brustschmerzen als klassisches Symptom bekannt sind, können bei Frauen auch andere Beschwerden im Vordergrund stehen – beispielsweise Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Schwächegefühl oder Schwindel. Das kann dazu führen, dass ein Herzinfarkt nicht sofort als solcher erkannt wird. Deshalb gilt: Neue, starke oder ungewöhnliche Beschwerden sollten ernst genommen und medizinisch abgeklärt werden. Bei einem möglichen Herzinfarkt sollte unverzüglich der Notruf 112 gewählt werden. Auch jüngere Frauen können – wenn auch selten – einen Herzinfarkt erleiden. Dabei können neben einer klassischen Arteriosklerose auch andere Ursachen eine Rolle spielen, etwa Einrisse in der Gefäßwand (Dissektionen), Gefäßkrämpfe (Spasmen) oder verschleppte Blutgerinnsel (Thromboembolien).
Gendermedizin als Impuls für eine individuellere Medizin
Die Diskussion auf der „Bunten Couch" zeigte: Gendermedizin bedeutet nicht, Frauen und Männer grundsätzlich anders zu behandeln. Vielmehr geht es darum, geschlechtsspezifische Unterschiede dort zu berücksichtigen, wo sie für Prävention, Diagnostik und Therapie relevant sind.
Der Abend bot damit nicht nur medizinische Informationen, sondern auch zahlreiche Anregungen für die persönliche Gesundheitsvorsorge. Wer seine individuellen Risikofaktoren kennt, kann gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten gezielt Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung besprechen.
Mit dem Format „Bunte Couch" möchten Elke von Winning, Martha Altweck-Glöbl und Barbara Unger künftig weitere medizinische und gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich vermitteln und zum offenen Austausch anregen.








